Tatsachen schaffen und schlaflose Nächte

GERN GELESEN

WIE MAN TRÄUME LEBT UND WAS DABEI PASSIEREN KANN ...

Tatsachen schaffen und schlaflose Nächte




Früh am nächsten Tag brechen Elke und Peter auf. Der erste Händler hat eine riesige Auswahl. Alkoven, Teilintegrierte, Integrierte, mit oder ohne doppelten Boden, Barversion oder Sitzgruppe, Hubbett oder nicht? Ganz neue Begriffe prasseln auf Peter und Elke ein. Sie sind beide keine Camper und haben damit also keine Erfahrungen. Sie können nur ihr preisliches Limit und das Wohlgefühl beim Besichtigen eines Wohnmobils als Entscheidungshilfe nutzen. Peter gefällt ein uralter Hymer, Elke zweifelt aber, ob der die weite Strecke in den Süden noch schaffen wird.


Beim zweiten Händler steht auch ein alter Hymer. Der ist aber mit 18 Jahren immerhin noch 15 Jahre jünger als der vorige. „Der hat erst 160.000 gelaufen” preist ihn der Händler an. Elke zuckt zusammen. Das ist doch ganz schön viel und nicht „erst”. Peter zuckt nicht.

„Die heutigen Motoren können das”, versichert er Elke.

„Aber der Hymer ist 18 Jahre alt, das ist doch kein heutiger Motor.”

„Ja”, wirft der Händler ein. „Der ist aber rentnergepflegt. Mit Scheckheft.”

Elke zuckt wieder zusammen. Warum wird eigentlich „rentnergepflegt” oder „von einer Frau gefahren” immer wieder als Vorteil hingestellt? Als seien die zu doof, ohne Werkstatt auszukommen oder, als würden sie ihre Wagen ganz besonders liebevoll pflegen. Die können auch selbst an ihren Autos rumschrauben und -basteln oder sie völlig vernachlässigen.

„Den hab ich selbst geholt, das ist ein ganz solides Auto”, versichert der Händler nun und, „Klar mach ich noch TÜV und die Gasprüfung. Seht euch den mal von innen an, der passt genau zu euch.”


Elke klettert als erste durch die hintere Tür und steht in der „Küche”. Die besteht aus einer kleinen Zeile quer zum Heck. Direkt daneben versteckt sich der „Sanitärbereich” hinter einer Tür.  Es gibt eine winzige Toilette und zieht man den Wasserhahn mit seinem Schlauch weit genug aus dem Waschbecken, kann man in dem Bereich auch duschen. Elke versucht sich gar nicht erst vorzustellen, wie nach dem Duschen die ganze Zelle wieder trocken gewischt werden muss. Der „Wohnbereich” mutet dagegen fast großzügig an. Es gibt einen vernünftig großen Tisch mit beidseitigen Sitzbänken und eine weitere lange Sitzbank an der gegenüberliegenden Seite. Der Bezug ist in seinem Muster allerdings ziemlich fürchterlich. Na ja, auf diesen wilden Mustern fallen Flecken nicht so schnell auf. Der „Schlafbereich” befindet sich im Alkoven über dem Fahrerhaus und scheint bequem Platz für zwei Erwachsene zu bieten.


Peter hat derweil den „Fahrbereich” inspiziert. Nun setzen sich beide an den Tisch.

„Wie findest du es?” fragt Elke aufgeregt. Sie hat sich schon, trotz mangelnder Dusche und wilder Muster, in den Hymer verliebt und ganz vergessen, dass sie ja eigentlich nur mal gucken wollte. Peter ist auch begeistert, aber er dämpft die manchmal allzu spontane Elke etwas. Er will ja noch mit dem Händler handeln.

„Ja, wenn alles funktioniert, finde ich den gut.”

„Sollen wir den nehmen? Dann müssten wir nicht mehr weiter suchen.”

„Bist du sicher, dass du diesen willst?”

„Ja, der ist gemütlich, hat genug Platz, ist sauber und gepflegt.”

Inzwischen prüft Peter alle Scharniere, findet weitere Staumöglichkeiten und die zusätzlichen Wohnraumbatterien unter den Sitzen und praktischerweise auch einen Safe. Auch in der Küchenzeile scheint alles heil und gut gepflegt. Dann untersucht er auch noch alle Außenklappen und -fächer und findet nichts zu meckern. Der Händler taucht wieder auf.


„Na? Hab ich zuviel versprochen? Prima Teil.”

Elke guckt möglichst unglücklich.

„Ja, der Hymer ist schon nicht schlecht. Aber der Preis. Wo ist denn die unterste Schmerzgrenze?”

Ohne großes Zögern geht der Händler 500 Euro runter. Das war ja einfach.

„Mmh. Mehr nicht? Dann müssen Sie aber auch noch die Winterreifen aufziehen. TÜV und Gasprüfung sind ja sicher im Preis drin.” Peter guckt erstaunt zu Elke. Eigentlich wollte er doch handeln. Aber sie macht das gut.

Der Händler zögert kurz, dann hält er Elke seine Hand hin. Ihr Herz macht einen Satz.

„Okay. Übermorgen könnt ihr ihn abholen.”


In der Nacht kann Elke nicht schlafen. Hatten sie tatsächlich ein Wohnmobil gekauft? Einfach so? Sie plagen Zweifel, ob sie das Richtige gemacht haben. Der Wunsch, einfach alles hinzuschmeißen und das Leben zu ändern, ist das eine. Es dann auch zu tun, etwas ganz anderes.

Auch Peter wälzt sich unruhig hin und her.

„Schläfst du?”, fragt Elke leise.

„Nein.”

„Meinst du, wir haben genug darüber nachgedacht? Soll ich wirklich einfach meinen Job aufgeben? Der ist mit Sicherheit weg, wenn wir zurück kommen.”

„Na und? Der hat dich sowieso nur noch geärgert. Und irgendwas findet sich immer. Aber wenn du nicht willst, wir müssen ja nicht fahren.”

Das war eine nette Hintertür von Peter. Und sie ließ Elke sofort spüren, dass sie fahren wollte. Aber trotzdem.

„Ich bin 55, da findet sich nicht so schnell ein neuer Job. Und dann fehlen meine Einnahmen.”

„Ach was”, beruhigte Peter. „Ich hab ja auch was und außerdem können wir auch sparsamer leben.”

„Aber so gar nichts arbeiten? Ich kann doch nicht so früh schon einfach aussteigen.”

„Doch, das geht gut”, grinst Peter durch die Dunkelheit.

Er hatte gut reden. Peter war schon vor einem Jahr ausgestiegen. Kaputte Knie und eine komfortabel ausgestattete Berufsunfähigkeitsversicherung hatten ihm mit 56 Jahren den vorzeitigen Ruhestand beschert. Und den genoss er in vollen Zügen.

„Und Nina? Können wir sie so kurz vor dem Abitur wirklich alleine lassen?”, setzte Elke neu an.

„Nina ist erwachsen und sie hat bewiesen, dass sie gut alleine zurecht kommt. Und helfen können wir ihr sowieso nicht. Oder weißt du noch irgendwas über höhere Mathematik?”

„Nein. Aber ….”

„Mach dir mal keine Sorgen. Wir können jederzeit telefonieren oder skypen. Und wir können jederzeit zurück kommen. Zur Not schnell per Flugzeug.”



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Dezember 2013

© Susanne Norden