Bedenkenträger und die erste Panne

GERN GELESEN

WIE MAN TRÄUME LEBT UND WAS DABEI PASSIEREN KANN ...

Bedenkenträger und die erste Panne




Frisch gewaschen und glänzend steht der Hymer in der Sonne.

„Alles fertig, läuft wie geschmiert. Damit könnt ihr sofort nach Spanien durchstarten. Wollt ihr eine Einweisung?”

Unbedingt. Mit viel Geduld erklärt der Händler die Handhabung der Gasflaschen, wie man die Füllzustände der Wassertanks kontrolliert, den Kühlschrank je nach Bedarf mit Strom, Batterie oder Gas betreibt, die Toilette entleert und vieles mehr. Dazu drückt er Peter jede Menge Unterlagen in die Hand. Nach einer Stunde scheint alles klar und Peter übernimmt die Schlüssel.

„Ich fahr”, erklärt er Elke, dabei strahlt ihm die Vorfreude aus dem Gesicht.

„Okay, ich fahr hinter dir her”, gibt sich Elke einverstanden. Und dann staunt sie, wie flott der Hymer unterwegs ist. Sie hat sich so ein Wohnmobil, auch ein kleines, viel behäbiger vorgestellt.

„Du bist aber ganz schön gerast”, bemerkt sie zu Peter, als beide wieder zu Hause sind.

„Nö, der fährt so. Wie ein normales Auto”, gibt Peter zurück.

„Ist der süß, total cool! Drehen wir eine Runde?” Neugierig ist Nina aufgetaucht. Und auch Elke möchte eine Runde drehen.

„Ich hol noch Alex, dann wissen wir gleich, ob er WoMo-tauglich ist.”

Schließlich sitzt die komplette Familie in ihrer Neuerrungenschaft und fährt durchs Dorf. Alex hat sich zwischen Peter und Elke auf eine Erhöhung gestellt und schaut huldvoll aus dem Fenster.

„Der fährt ja wirklich wie ein Auto. Und der ist auch drinnen gar nicht so klapperig, wie ich dachte.” Elke ist begeistert.

„Halt mal an!”, schreit Nina. „Da vorne ist Sophie, ich steig hier aus. Echt cooles Teil. Bis später!” Damit ist sie weg.

Elke stöhnt. Erst ihre Kollegin, nun Sophie, eine große Quasselstrippe. Bald wissen alle Bescheid, bevor Elke oder Peter selbst etwas von ihren Plänen erzählen können. Na, dann ist das eben so.

„Wir fahren mal zum WoMo-Platz. Dann können wir gleich Wasser bunkern”, beschließt Peter. Alex verlässt seinen Aussichtsplatz auch dann nicht, als Elke und Peter aussteigen. Er fühlt sich wohl.


Während Peter am nächsten Tag das Wohnmobil mit Werkzeug und Fahrrädern bestückt, kümmert sich Elke um Texte, recherchiert, telefoniert und fotografiert. Immer wieder trifft sie auf Freunde und Bekannte, die schon von der Neuigkeit gehört haben.


Unter ihnen gibt es die Neider. Die, die sich immer nur in ihrem Hamsterrad drehen, die auch gern mal etwas wagen würden, die sich aber nicht trauen, weil sie Angst haben, etwas zu verlieren. Sei es der Job, materielle Habe oder das, was andere von ihnen denken. Aber wenn das alles in Ordnung wäre, sie erfüllen würde, müssten sie ja nicht neidisch sein. Oder vielleicht wissen die Neider auch einfach nur nicht, wie sie ihr Leben ändern und zufriedener sein können. Es gibt immer einen Weg, wenn es etwas zu ändern gibt, man muss sich nur bemühen, glaubt Elke.


Dann gibt es die Bedenkenträger. Einfach mal weg? Das ist doch viel zu gefährlich, was da alles passieren kann. Und dann so weit und so lange. Wenn nun einer krank wird oder das Wohnmobil kaputt geht, was dann? Und das Kind allein zu Hause, das geht doch nicht gut. Wer kümmert sich denn, kocht und passt auf? In Zeiten von offenen Grenzen, Euro überall, Flugzeugen, ADAC, Mobiltelefon und Internet ist Spanien ja nun kein großes Abenteuer. Und zum Kind muss man einfach mal Vertrauen haben. Schließlich ist es volljährig.


Und es gibt die Gönner. Sie genießen ihr Leben so wie es ist, sind zufrieden, ruhen in sich selbst und finden es schön, wenn es anderen auch gut geht. Sie sind selten.


Als Elke wieder zu Hause eintrifft, empfängt sie ein freudestrahlender Peter mit zwei Campingstühlen.

„Guck mal, hab ich bei den Kleinanzeigen gefunden. Zum Glück waren die Verkäufer auf ihrem Campingplatz. Bin gleich hingefahren und hab gekauft. Mit Auflagen! Und einen Tisch dazu haben sie mir geschenkt.” Prima, so langsam wird die Ausrüstung vollständig.

Elke holt sämtlich Körbe des Haushaltes zusammen und stellt sie ins Wohnzimmer.

„Da packen wir jetzt alles rein, was ins WoMo muss. Dann behalten wir den Überblick und laden später alles auf einmal rein”, ist ihre Idee.

Die Körbe füllen sich mit Büchern, Versicherungsunterlagen, Landkarten, Notizbüchern, Ladekabeln, Geschirr, Besteck, Schüsseln, Vorratsdosen, allerhand kleinen Küchenhelfern, Töpfen …

„Sind die gasherdtauglich?”, fragt Peter.

„Ja. Und apropos Gas. Wir brauchen einen Wasserkessel und einen losen Filter, damit wir Kaffee auch ohne Strom kochen können.”

Das Meiste können sie ihrem Haushalt entnehmen, denn es ist ohnehin mehrfach vorhanden. Hat sich in den Jahren einfach so angesammelt.

Servietten, Alufolie, Küchentücher, Toilettenpapier …

„Halt”, ruft Peter, „wir brauchen spezielles Toilettenpapier das sich schnell auflöst.”


Die Weihnachtstage vergehen mit Feiern, Körbe ein-, aus- und umpacken, Planungen. „Als ich heut Nacht nicht schlafen konnte fiel mir noch ein ….”, wird zum geflügelten Wort.


Am 30. Dezember sind Elke und Peter fast fertig, die meisten Sachen sind, wieder mit mehrfachem Um- und Auspacken, ins Wohnmobil geräumt. Dann kommen ihnen Bedenken, ob sie mit der ganzen Zuladung noch unter den zugelassenen 3,5 Tonnen wiegen.

„Okay. Wir füllen den Wasser- und den Dieseltank und dann fahren wir zur Waage der Müllrecyclinganlage. Alex muss auch mit”, beschließt Peter.


Der Mitarbeiter an der Waage hat einen guten Tag und gibt kostenlos und freundlich Auskunft: knapp drunter.

Als Peter den Motor wieder startet, flammt ihm am Armaturenbrett ein rotes Licht entgegen. Mit roten Lichtern ist nicht zu spaßen und so führt die Fahrt in die nächste Werkstatt. Trotz feiertäglicher Notbesetzung kümmert man sich sofort um das Problem.

„Wasser im Dieselfilter”, stellt der Mechaniker fest.

„Ist nicht schlimm. Lass ich raus tropfen.” Mit Werkzeug und Lappen bewaffnet macht er sich an die Arbeit.

„Starten Sie mal”, kommt nach einer Weile als Anweisung, die Lampe leuchtet noch.

„Okay, kann wieder aus.”

Peter dreht den Zündschlüssel. Nichts. Er zieht den Schlüssel ab. Nichts. Der Motor läuft munter weiter. „Tja, das weiß ich nu auch nicht”, ist der Mechaniker ratlos und holt den Chef.

Der Chef erkennt den Fehler, hat aber das passende Ersatzteil nicht da. „Das macht doch nichts”, versucht Elke Peter davon abzuhalten, einen Reparaturtermin irgendwann im nächsten Jahr zu vereinbaren. Jetzt, wo sie ihren Mut zusammen genommen, die Bedenken über Bord geworfen, alles vorbereitet hat, will sie auch los!

„Hauptsache, er springt an. Wenn er nicht aus geht, können wir ihn ja abwürgen.” Peter zieht die Stirn kraus. Der Vorschlag widerstrebt ihm.

„Was ist denn mit der roten Lampe”, wendet Elke sich an den Chef.

„Die müsste bald aus gehen, das bisschen Restwasser im Dieselfilter wird verdunsten.”

„Na, ist doch prima!”, freut sie sich. Peter guckt sie an und gibt nach.

Bis sie wieder zu Hause sind, ist die rote Lampe erloschen. Und auch der Motor geht beim Drehen des Zündschlüssels brav aus.


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Dezember 2013

© Susanne Norden