Schicksale in Freiburg

GERN GELESEN

WIE MAN TRÄUME LEBT UND WAS DABEI PASSIEREN KANN ...

Januar 2014

Schicksale in Freiburg




„Freiburg!” ruft Elke. „Da wollte ich immer schon mal hin und das Wetter spielt doch auch mit. Ist gar nicht kalt.” „Okay, Freiburg.” stimmt Peter zu. „Aber nicht durch den Schwarzwald. Nicht schon wieder so viel rauf und runter und Kurvenzirkelei.” „Gut, dann am Rhein lang.” Zufrieden lehnt Elke sich zurück. Sie ist nun schon viel entspannter, als noch vor ein paar Tagen.


In Freiburg angekommen müssen Elke und Peter erkennen, dass sie nur mit grüner Umweltplakette hinein dürfen. Sie haben eine gelbe. Doch bevor Elke über eine Alternative nachdenken kann, ist Peter schon eine kleinere Straße hinein gefahren und hat einen Stellplatz erreicht.

„Und?“, fragt er Elke um Zustimmung. „Okay. Ein bisschen rumpelig aber okay. Und für eine Nacht geht das auch ohne Dusche und Klo. Haben wir ja an Bord.“

Während Peter ordentlich einparkt, die Stützen auskurbelt, noch einmal den Fernsehempfang testet, wieder enttäuscht wird und die in der letzten Nacht leer gewordene Gasflasche beim Platzwart gegen eine volle tauscht, erkundet Elke mit Alex die Gegend. Erfreut stellt sie fest, dass es in der Nähe einen hübschen Park gibt und es nicht weit ins Zentrum ist. Da heute ein Feiertag ist, sind allerdings alle Geschäft geschlossen. Auf ihrem Rückweg kommt sie an der Straßenbahn vorbei. So etwas kennt Alex noch gar nicht. Er ist begeistert. Elke muss ihn an die Leine nehmen, sonst würde er sicher sofort einsteigen.

„Hier ist Feiertag, die Geschäfte sind geschlossen“, berichtet Elke, als sie wieder am Wohnmobil ankommt. „Oh, Mist, wir haben nichts mehr zu trinken. Aber ich hab vorhin einen Bahnhof gesehen.“

Als Peter sein Fahrrad klar gemacht hat und zum Bahnhof fährt, ruft Nina bei Elke an.


„Na, Mami, wo seid ihr?“. „Hey Nina! Wie schön, dass du anrufst. Wir sind in Freiburg. Wie geht es dir?“.

„Na ja, ich muss noch so viel lernen fürs Abi. Und vorhin war ich einkaufen und gleich koch ich mir was.“

Was Elke da raus hört, bestätigt sich im weiteren Gespräch zwischen Mutter und Tochter. Nina fühlt sich ein bisschen einsam, so ganz allein in dem großen Haus. Elke plagt ein schlechtes Gewissen. Das Kind so von heute auf morgen ganz allein zu lassen.

„Und morgen fahr ich mit Sophie zum shoppen nach Hamburg und übermorgen gehen wir in die Disco.“ Elke unterdrückt die mit diesen Informationen aufkeimende Sorge, was dabei alles passieren kann und dabei auch gleich ihr schlechtes Gewissen.

„Okay, Kind, ich wünsch dir viel Spaß und pass gut auf dich auf. Du weißt ja, wenn was ist, bin ich ganz schnell wieder zu Hause.“ „Klar, pass ich auf. Euch auch noch ganz viel Spaß! Bis bald!“ „Bis bald und meld dich wieder!“ „Ja ja, tschüss“.

Nina scheint das Gespräch gut getan zu haben, sie war am Ende schon wieder fröhlich wie immer. Aber Elke legt mit gemischten Gefühlen auf. Gut, Nina und sie waren bereits einmal länger getrennt, als Nina für ein halbes Jahr in Kanada zur Schule ging. Doch da wohnte sie bei Gasteltern, die sie betreuten. Nun ist sie allein.

„Was machst du denn für ein Gesicht?“ Peter radelt mit Getränken auf dem Gepäckträger heran. „Ich hab gerade mit Nina telefoniert.“ „Und?“ Elke erzählt Peter von dem Gespräch und ihren Bedenken.

„Mach dir mal keine Sorgen. Unsere Tochter ist erwachsen und vernünftig. Dass das leere Haus ihre erst mal einsam vorkommt, ist doch normal. Das wird schon. Und du sagst ja, dass ihr das Telefonat gut getan hat. Ist doch prima.“ Er nimmt Elke in den Arm.

„Hast du gesehen, was hier so steht?“ Der Stellplatz ist trotz Winter von etlichen weiteren Wohnmobilen besucht. Nebenan steht ein Concorde mit über zehn Meter Länge, dahinter ein fast ebenso großer Carthago, gegenüber ein großer Dethleffs. „Ach was“, Elke stupst ihn in den Bauch, „unser ist völlig ausreichend und total gemütlich.“ „Stimmt. Und jetzt machen wir uns eine Flasche Wein auf und genießen.“


Am nächsten Morgen stupst Alex recht früh mit seiner Pfote die Leiter zum Alkoven an. Er muss mal raus. Vorsichtig klettert Elke über den noch schlafenden Peter hinweg und hangelt sich hinunter. „Wehe, du musst gar nicht“, mahnt sie Alex leise während sie sich warm anzieht. 

Draußen ist es noch dunkel und Elke steckt zu den Hundekotbeuteln noch eine Taschenlampe ein. Schließlich will sie beim Aufsammeln nicht vorher rein treten. Alex hat es eilig und zieht Elke an der Leine förmlich vom Platz. Kaum ist er draußen, nutzt er den Grünstreifen an der Straße. „Feiner Hund“, Elke tätschelt Alex den Kopf, „du hast nicht auf den Platz gemacht. Ist ja prima, dass das funktioniert.“ Und wo sie nun schon mal draußen ist, geht sie gleich noch ein Stück weiter und findet eine Bäckerei. Hier herrscht schon Hochbetrieb.


Nach einem ausführlichen Frühstück besteigen Elke und Peter ihre Fahrräder, um die Stadt zu erkunden. Alex läuft abenteuerlustig nebenher.

In der Stadt brodelt ein Multikulti-Leben mit Studenten aller Fakultäten. Elke und Peter kommen sich dazwischen fast alt vor. Überall in den netten kleinen Gassen gibt es Kneipen und Cafés. Bei den für einen Winter ungewöhnlichen 15 Grad Temperatur sind alle Außentische gut besucht. Peter lässt sich mit Alex an einem der Tische nieder, Elke geht shoppen. Tolle kleine Geschäfte gibt es hier. Viel kreativer und vielfältiger als das sonst aus größeren Städten gewohnte Einerlei. Und natürlich ist auch für Elke hier und da etwas dabei.

Peter genießt derweil die Sonne, seinen Kaffee und das bunte Leben um ihn herum. „Hier gibt es fast keine älteren Leute“, berichtet er Elke, als sie wieder zu ihm stößt. „Ist mir auch schon aufgefallen. Aber wenn du mal überlegst, wohnen wir auch in einer Gegend mit sehr vielen älteren Leuten. Vielleicht fällt und das deswegen hier so auf.“

Auf dem Rückweg zum Wohnmobil bleibt Peter mit seinem Fahrrad in einer Straßenbahnschiene hängen und stürzt. Der Klassiker. Er kann sich aber gut abstützen und trägt keine Schrammen davon. Auch das Fahrrad bleibt heil.

Abends gehen Elke und Peter zum Essen in eine nahe Studentenkneipe. Herrlich. Sie fühlen sich in der lockeren, lauten Atmosphäre um Lichtjahre in ihre eigene Studentenzeit zurück versetzt und gehen gern auf die Diskussion der mit ihnen am Tisch Sitzenden ein. Die wird abwechselnd auf Deutsch und Englisch geführt. Elke merkt, dass sie solche Abende vermisst hat. Doch inzwischen ist sie von den vielen neuen Eindrücken ziemlich erschöpft (das war früher auch anders) und möchte zurück. Peter zieht noch weiter.

Im Wohnmobil kuschelt sich Alex gleich zufrieden auf seinen Platz. Auch er ist jetzt erschöpft. Elke macht es sich mit einem Buch im Alkoven gemütlich und bald fallen ihr die Augen zu. Kurz nach Mitternacht schreckt sie hoch. Peter ist noch nicht da. Muss sie sich Sorgen machen? Ach nein, beruhigt sie sich, sicher hat er sich irgendwo festgeklönt. Sie will noch ein bisschen lesen, kann sich aber nicht recht auf den Text konzentrieren. Alex dagegen schnarcht leise vor sich hin. Nach einer halben Stunde macht Elke sich doch Sorgen. Verlaufen wird sich Peter ja wohl nicht haben. Ob ihm etwas passiert ist? Und würde man sie dann finden, um sie zu benachrichtigen? Anrufen vielleicht. Ach nein, Peter hat sein Handy, in dem man ihre Nummer finden würde, ja im WoMo gelassen. Er hat nur etwas Geld bei sich. So kann so schnell niemand wissen, wer er ist.  Nur nicht reinsteigern, mahnt Elke sich selbst. Sie müssten aber unbedingt prüfen, welche Informationen sie immer bei sich tragen sollten, damit im Fall der Fälle jemand den anderen benachrichtigen kann. Elke hält es nicht mehr im Alkoven. Was soll sie nur tun? Suchen? Wo denn? In dem Moment hört sie Peter draußen mit dem Rad vorfahren.

„Wo warst du denn so lange, ich hab mir schon Sorgen gemacht“, empfängt ihn Elke erleichtert an der Tür. „Im Krankenhaus“, erwidert Peter trocken und hält Elke einen Gipsarm hin. „Was ist passiert?“. Peter erzählt, nachdem er seine Jacke abgeschüttelt und es sich in der Sitzecke bequem gemacht hat.

„In der nächsten Kneipe war es noch ganz nett, doch mein Arm wurde immer dicker. Geschmerzt hat er schon den ganzen Abend. Ich wollte dich aber nicht damit beunruhigen. Zum Krankenhaus ist es nicht weit und ich bin mit dem Fahrrad hin. Da haben sie dann festgestellt, dass der Unterarm gebrochen ist. Vier Wochen Gips. Zum Glück nur bis zum Ellenbogen.“ Peter zieht ein unglückliches Gesicht und Elke kann sich ein lautes Lachen nicht verkneifen.

„Du armer Kerl. Dann war der Fahrradsturz doch nicht so harmlos. Ausgerechnet der rechte Arm.“

„Was gibt es denn da zu lachen?“

„Damit kannst du nicht fahren. Jetzt darf ich ans Steuer.“

Peter verzieht sein Gesicht noch mehr. Er ist ein miserabler Beifahrer und dass Elke jetzt erst einmal das Steuer übernehmen muss, ist schlimmer als der Schmerz im Arm. „So schnell kommen wir aber nicht weiter. Ich soll morgen noch mal ins Krankenhaus.“ „Das macht nichts. Hier ist es nett. Soll ich dir ins Bett helfen?“, grinst Elke zweideutig und greift zu den Knöpfen an Peters Kleidung.


Am nächsten Morgen radelt Peter wieder ins Krankenhaus. Dort schüttelt man nur den Kopf darüber, dass er mit Gipsarm Fahrrad fährt. Und man schüttelt den Kopf, als Peter erklärt, er würde nun weiterreisen. Das könne man nun wirklich nur erlauben, wenn er am nächsten Tag noch einmal zur Kontrolle kommen würde. Nur, weil Freiburg so nett und das Wetter gut ist, gibt sich Peter geschlagen.

Zurück auf dem Stellplatz findet er Elke im Wohnmobil der Nachbarn. „Kommen Sie rein, wir haben genug Platz“, wird Peter sogleich eingeladen. Stimmt, das Wohnmobil ist 12 Meter lang. „Ihre Frau hilft uns mit der Karte“, erklärt die Dame des Mobils. Mit Karte meint sie ihre neue Sim-Karte, die ins Handy rein und eingerichtet werden soll. „Im Tablet hab ich das schon gemacht“, fügt sie noch hinzu. Peter staunt mal wieder, wie selbstverständlich auch ältere Leute mit der neuen Technik umgehen. Die Dame und ihr Gatte sind beide bestimmt über 80 Jahre alt. Andererseits liegen aber auch selbst gehäkelte Deckchen zur Schonung der Bezüge auf den Kissen, schmücken Spitzengardinen und künstliche Blumen die Fenster und hängen Fotos der Enkel an der Wand.

„Ja“, erklärt nun der Gatte, der Peters Umschau bemerkt hat, „wir wohnen fest in unserem Mobil. Schon seit 22 Jahren. Und wir waren schon in der ganzen Welt damit. Mit dem hier und mit seinen Vorgängern. Diesen Sommer haben wir am Kurischen Haff verbracht. Aber einmal im Jahr kommen wir nach Freiburg und lassen und gründlich durchchecken. Hier gibt es die besten Kliniken.“ „Sie haben keine Wohnung? Nur das Mobil?“, fragt Peter erstaunt nach. „Ja. Und das bleibt so, bis wir nicht mehr können.“ Liebevoll schaut er zu seiner Frau, die seinen Blick zärtlich erwidert.

Später, wieder im eigenen Mobil, ist Elke immer noch ganz gerührt. „Sind die süß. Und was die schon alles erlebt haben! Ich dachte, wir wären mutig. Aber dagegen …“.  „Ja. Hast du gesehen, dass der hinter uns wohl auch von so einem Leben träumt?“

Hinter dem Hymer steht ein alter, schon reichlich angerosteter VW-Bus T4. Darin wohnt ein junger Mann, der damit beschäftigt ist, Kleidungsstücke auf weiße Laken zu drapieren und zu fotografieren.

„Ob der einen Online-Handel betreibt?“ Zu gerne würde Elke fragen, doch der junge Mann scheint an Kontakten nicht interessiert.


Mit Alex begeben sich Elke und Peter erneut in die Stadt, dieses mal zu Fuß. Zwischendurch ruft Nina an. Sie ist in Berlin und nimmt an einem Assessmentcenter der Firma teil, bei der sie ab Herbst gerne ein duales Studium beginnen würde. Bis zu diesem Auswahlverfahren ist sie mit ihrer Bewerbung immerhin schon gekommen. Elkes Herz weitet sich vor Stolz und zieht sich zusammen vor Sehnsucht nach ihrer Tochter. Sie ist so zielstrebig und so selbständig! „Nur nicht, wenn sie ihr Zimmer aufräumen oder im Haushalt helfen soll.“ bemerkt Peter trocken.


Abends spielt sich auf dem Platz ein Drama ab. Laut schimpfend stürzt eine ältere Blondine, deren auffällige Kleidung weder zu ihrem Alter noch zu ihrer Figur passt, aus einem großen Carthago. „Ich mach das nicht mehr mit, du bist widerlich“, keift sie Richtung Mobil, in dessen Tür ein Mann mit Reisetasche in Hand auftaucht. „Wer bist du denn schon! Ich hau ab! Ich lass mich scheiden, hörst du?“ Gelassen lässt der Mann die Reisetasche vor die Tür fallen. „Ich ruf mir jetzt ein Taxi und fahr zum Bahnhof. Dann musst du alleine weiter reisen.“ Nun fängt die Blondine laut an zu heulen. Unbeeindruckt sieht der Mann eine Weile zu, dreht sich dann um und schließt die Tür. Das Heulen der Blondine wird lauter, doch die Tür geht nicht wieder auf. Jetzt ist sie verwirrt. Das hatte sie sich wohl anders vorgestellt. Und nun fährt tatsächlich ein Taxi auf den Platz. Das hat der Mann wohl gerufen. Die Blondine ist hin und her gerissen, überlegt, wie sie reagieren soll. Dann siegt ihr Stolz. Sie nimmt die Tasche und steigt in das Taxi. „Zum Bahnhof“, ist noch zu hören, bevor die Tür zu schlägt.


„Da haben wir hier wohl eine ziemliche Bandbreite des Möglichen erlebt“, stellt Peter fest.


Am nächsten Morgen bekommt Peter im Krankenhaus grünes Licht für die Weiterfahrt. Nachdem die Toilette und Abwassertank entleert und Frischwasser aufgefüllt sind, steuert Elke Richtung Titisee. Aus Rücksicht auf Peters mangelnde Beifahrerqualitäten fährt sie so vorsichtig, als würde sie rohe Eier ohne Karton transportieren. Trotzdem hat Peter immer mal wieder „gute“ Tipps parat. Ein Schlenker durch Kirchzarten dient dem Auffüllen der Vorräte, dann geht es durch die Berge des Schwarzwaldes weiter. Titisee und Umgebung machen einen sehr netten Eindruck, doch der Campingplatz liegt weit außerhalb und das gefällt Elke und Peter nicht. Sie fahren weiter durch zahlreiche Serpentinen zum Feldberg. Obwohl hier kaum Schnee liegt, herrscht reger Skibetrieb.


20 Kilometer weiter, in Muggenbrunn, findet Elke einen geöffneten Campingplatz. Nach der Anmeldung macht sie erst einmal einen ausführlichen Spaziergang mit Alex. In der hügeligen Landschaft für Flachland gewohnte Menschen ganz schön mühsam. Und runter ist nicht unbedingt weniger anstrengend als rauf, muss Elke feststellen. Oben hat sie aber wenigstens Handyempfang und kann mit Nina telefonieren. Wie das Assessmentcenter ausgegangen ist, soll Nina aber erst in einigen Tagen erfahren.

Nachts trommelt gemütlich Regen aufs Dach. Aber morgens ist alles weiß! Aus dem Regen war Schnee geworden. Elke bekommt die Tür kaum auf. Alex stürmt sofort begeistert an ihr vorbei und versinkt bis zum Bauch in der weißen Pracht.

„Sieh mal, wie schön das alles aussieht!“ Peter brummt nur zu Elkes Begeisterungsausbruch. „Dafür haben wir gar keine Klamotten mit.“ „Ach, das taut bestimmt bald wieder.“ Inzwischen hat Elke sich ihre Winterstiefel und den wärmsten Pullover angezogen. „Ich bin dann mal weg“, ruft sie Peter fröhlich zu und läuft mit Alex in den verschneiten Wald.

Als sie zurück kommt, ist der Platzwart schon mit seiner Schneefräse unterwegs und am späten Vormittag kann die Fahrt weiter gehen. Peter ist zwar skeptisch, doch Elke bewältigt den engen, immer noch mit Schnee bedeckten Bogen der Ausfahrt mit Leichtigkeit. Inzwischen scheint die Sonne wieder und im Tal ist wieder alles grün.




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© Susanne Norden