´urra! Nous sommes en France

GERN GELESEN

WIE MAN TRÄUME LEBT UND WAS DABEI PASSIEREN KANN ...

´urra! Nous sommes en france




Am zehnten Tag ihrer Reise überqueren Elke und Peter bei Lörrach den Rhein und damit die Grenze zwischen Deutschland und Frankreich.

„´urra! Nous sommes en france!“ jubelt Elke mit Resten ihres Schulfranzösisch. „Dein Französisch kannst du gleich noch mal testen. Wir müssen einkaufen.“ Peter hat in einem Reiseführer gelesen, dass es in Frankreich Pflicht ist, ein Atemalkoholtestgerät im Fahrzeug mitzuführen. Das hat er nicht und hofft nun, nicht schon vor dem nächsten Laden in eine Kontrolle zu kommen, denn Strafen sollen empfindlich hoch sein.

Mit seinem Gipsarm zeigt er voraus „Da! Ein Supermarkt. Vielleicht haben die so was.“ Elke hat allerdings so ihre Zweifel, ob ihre Sprachkenntnisse für eventuell nötige Nachfragen reichen werden. Mit Schwung parkt sie in eine passende Lücke ein und überlegt dabei, was sonst noch alles eingekauft werden muss.

Im ganzen Geschäft ist nirgends ein Testgerät zu sehen. Wie mag das wohl auf Französisch heißen? Ach, im Zweifel kann das Begehrte mit Händen und Füßen erklärt werden. Als Elke sich dem Marktleiter mit fragender Miene nähert, begrüßt der sie mit einem freundlichen „Hallo, kann ich Ihnen helfen?“ Er ist Deutscher. Elke ist erleichtert. Also nein, diese Vorschrift habe die Regierung wieder abgeschafft, erklärt er und fügt sarkastisch hinzu „natürlich nachdem sich alle so ein Gerät für teures Geld gekauft haben.“ Peter ist noch ein bisschen unsicher, ob er dieser Information vertrauen kann. Elke findet, dass er es sollte.


Der weitere Weg führt auf kleinen Straßen durch eine weite Ebene gen Westen. In Joucherey steht ein Hinweisschild auf einen Campingplatz an der Straße und weil die Fahrt für heute lang genug war, biegt Elke ab. Um am Ende eines löcherigen Sandweges vor einem verschlossenen Tor zu stehen.

„Und nun?“ fragt sie Peter. „Tja.“ „Wer weiß, wo der nächste Platz ist. Wir können doch einfach hier stehen bleiben. Ist doch Platz genug.“

Bevor Peter noch mal „Tja“ sagen kann, kommt eine fröhliche Französin angeradelt und wedelt mit einem Schlüssel für das Tor. Gestenreich, sie wäre bestimmt perfekt für einen Pantomimen-Theater,  zeigt sie auf einen Stellplatz, den Elke dann auch ansteuert. Die Französin wohnt auch auf dem Platz, der ansonsten aber geschlossen scheint.

Gleich neben dem Platz beginnt ein großer Wald mit zahlreichen Seen. Bei einem ausführlichen Spaziergang mit Alex fällt Elke auf, dass es am Abend deutlich länger hell ist, als im hohen Norden. Sehr schön, so viel ist also schon geschafft.

Als sie wieder auf dem Platz eintrifft, ist die Hütte, die als Büro dient, geöffnet. Elke holt alle für eine Anmeldung nötigen Papiere aus dem Wohnmobil. Doch die will der ältere Herr hinter dem Tresen, der mit seinem knautschigen Gesicht, dem großen Bart und der Mütze genau dem Klischee des typischen Franzosen entspricht, gar nicht sehen. Er schreibt 16,50 auf einen Zettel und dreht ihn Elke hin. Und sie versteht, dass das der Preis für den Stellplatz ist. Über mehr muss sie sich auch gar nicht verständigen, denn das Waschhaus und die Ver- und Entsorgungsstation hatte Peter schon gefunden. Aber „bonne nuit“ kann sie wünschen, was dem Franzosen ein breites Grinsen ins Gesicht zaubert, das seine zahlreichen Zahnlücken entblößt.


„Boah, das sind Duschen - abenteuerlich.“ Mit noch nassen Haaren kommt Elke nach der Morgentoilette zurück ins Wohnmobil. „Klär mich auf.“ Peter sitzt noch beim Kaffee.

„Also. Männlein und Weiblein sind nicht getrennt. Und es gibt auch keine Duschkabinen. Egal, ist ja eh kein anderer da. Aber als ich da so unter dem kühlen Strahl stand, heißes Wasser gibt es nämlich auch nicht, kam die Französin mit ihrem Hund rein und duschte ihm den Spaziergeh-Schlamm aus dem Fell. Und ich splitternackt daneben.“ „Und?“ „Nix und. Aber wenn du da gewesen wärst, hätte sie das sicher auch gemacht.“ „Und?“ „Tja.“


Peter gibt Besançon als Richtung vor und erklärt Elke, wo sie lang fahren muss. Die meiste Zeit weiß er aber gar nicht, wo sie sind, denn die Nummern der Straßen im Straßenatlas sind ganz andere als die auf den Schildern am Weg.

Viele Dörfer scheinen völlig verfallen, in anderen stehen riesige Luxushäuser. Immer alle mit sehr pflegeleichten Gärten und es ist erstaunlich, dass es trotzdem hin und wieder große Gartencenter gibt. An den Ortseingängen vieler Dörfer und Städte stehen gelbe Schilder mit einer oder mehreren gemalten roten Blumen darauf, unter denen „Ville Fleurie“ geschrieben ist.

„Das ist bestimmt so eine Art Auszeichnung“, vermutet Elke, „je schöner das Dorf, desto mehr Blumen.“

„Und wieso hat dieses Dorf dann drei Blumen?“ Peter findet das Dorf, durch das sie gerade fahren, reichlich verfallen. Außerdem hängt noch die Weihnachtsbeleuchtung in den Straßen und alles sieht wie ausgestorben aus.

Er schaut im Internet nach und stellt fest, dass die Schilder auf einen Wettbewerb zurück gehen, der die Gemeinden anregen soll, ihre Grünflächen zu entwickeln. „Allein 2010 konnten 3.842 Gemeinden mit dem Symbol ausgezeichnet werden und erhielten das Recht, am Ortseingang das Schild Villes et villages fleuris anzubringen; 211 von ihnen erhielten die höchste Auszeichnung mit 4 Blumen“, liest er Elke vor.

„Aha. Und dieses verfallene Dorf hat drei Blumen. Aber okay. Wenn man bei uns die Bundesstraßen fährt, sieht man auch nicht immer die wahre Schönheit der Orte.“

Es ist spät geworden und Peter gibt die Koordinaten eines Stellplatzes in Sauniers, der im Reiseführer empfohlen wird, ins Navi ein. Doch bei der Ankunft stellt sich heraus, dass es kein WoMo-Stellplatz ist, sondern nur ein großer Parkplatz an einem Sportplatz und einer Turnhalle. In der absolvieren gerade erstaunlich viele ältere Herrschaften fröhlich einen Tanzkurs. Das ist dann auch schon das Einzige, was in der Umgebung los ist. Vielleicht sind auch einfach nur die Koordinaten falsch. Aber Elke und Peter sind zu müde, um noch weiter zu fahren und bleiben. Erst am nächsten Morgen, im Hellen, entdeckt Peter einen Wasserhahn und einen Stromkasten. Doch beides ist kaputt und nicht zu gebrauchen. So viel zu Empfehlungen.


Der nächste Morgen ist neblig und kühl. Elke fährt los aber Peter weiß noch gar nicht so recht, wohin es gehen soll. Erst ein paar Kreuzungen später macht er einen Plan.

Gegen Mittag löst sich der Nebel auf und gibt den Blick auf eine schöne Landschaft mit sanften Hügeln frei. Weil Peter sich nun für Schnellstraßen entschieden hat, führt der Weg auch durch kleinere und größere Städte. Und endlich sieht er auch ein geöffnetes Restaurant. Der Hunger kneift schon seit etlichen Kilometern. Nachdem das WoMo geparkt und Alex gefüttert ist, müssen Elke und Peter am Restaurant feststellen, dass es nur für eine geschlossene Gesellschaft geöffnet hat.

Missgelaunt und hungrig machen sie sich auf den weiteren Weg. Gegen Abend halten sie nach Campingplätzen Ausschau, aber alle sind geschlossen. Und der Übernachtungsplatz aus dem Führer entpuppt sich als nicht vorhanden. In Bellac steuert Elke den Parkplatz eines Supermarktes an und verkündet „Hier bleiben wir. Ich hab keine Lust mehr und ich habe Hunger.“

Bei der Runde mit Alex muss sie allerdings feststellen, dass auch hier alle Restaurants geschlossen sind. Und der Supermarkt jetzt auch. Mit ein bisschen Improvisation kocht Peter eine Suppe. Beim Essen gibt es Krach.

„Boah, die ist viel zu scharf“, nörgelt Elke. „Dann koch doch demnächst selbst“, pampt Peter zurück. „Ach ja? Wie denn, ohne Zutaten. Wenn du besser navigieren würdest, hätten wir auch essen gehen können.“ „Hast du irgendwo ein offenes Lokal gesehen? Außerdem hab ich dir immer die richtigen Wege angezeigt. Du bist nur falsch gefahren!“

Wenn Elke Hunger hat, hat sie auch schlechte Laune. Und nach Peters Worten ist sie jetzt richtig böse. Sie lässt alles liegen und stehen und verzieht sich in den Alkoven.

Man kann nicht jeden Tag gewinnen. Aber als Peter später dazu kommt und sich dicht an sie kuschelt ist alles wieder gut. „Tut mir leid.“ „Mir auch. Ich war einfach hungrig, enttäuscht und angestrengt.“ „Ist auch alles so neu und ungewohnt. Ich hab dich lieb.“ „Ich dich auch.“


Früh am nächsten Morgen werden die Beiden von heftigem Regen und dem Anlieferverkehr des Supermarktes geweckt. Eine gute Gelegenheit, früh aufzubrechen. Teils über gut ausgebaute Schnellstraßen, teils durch kleine Dörfer führt die Fahrt Richtung Bordeaux. Vor Bordeaux steuert Elke in Saint Émilion einen Campingplatz an. Der wirbt zwar als Ganzjahresplatz, doch Toiletten, Wasser und Waschmaschine sind geschlossen. Dafür muss man zwingend für zwei Tage bezahlen.

„Und nun?“ Elke hat eigentlich keine Lust, noch weiter zu fahren.

„Wir bleiben. Das Wetter ist einigermaßen und ein bisschen Pause ist doch auch mal gut“, bestimmt Peter. „Aber zwei Tage?“

„Warum nicht? Wir könnten per Fahrrad die Gegend erkunden. Alex würde ein bisschen mehr Bewegung auch gut tun.“ Als hätte er verstanden, legt Alex seinen Kopf auf Elkes Knie und guckt sie aus großen Hundeaugen an. Überredet.



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Januar 2014

© Susanne Norden