Es geht los

GERN GELESEN

WIE MAN TRÄUME LEBT UND WAS DABEI PASSIEREN KANN ...

Es geht los




Ziel erreicht, am 2. Januar starten Elke, Peter und Alex gen Süden. Zuvor haben sie noch mit Freunden Silvester gefeiert und versprochen, sich von unterwegs ganz oft zu melden. Nina verabschiedet sie mit einem Gefühl zwischen Vorfreude, das Haus nun für längere Zeit für sich zu haben und leichte Bangen, wie es denn nun werden würde, so lange allein zu sein.

Weit kommen Elke und Peter nicht, nach 30 Kilometern stehen sie im Stau.

Also verlassen sie die Autobahn und meandern über kleine Straße weiter. Am Abend erreichen sie Pattensen und stellen sich für die Übernachtung auf einen Parkplatz bei einer Bäckerei. „Prima!” denkt Elke, „Dann haben wir Morgen gleich frische Brötchen.” Das Wohnmobil ist muckelig warm und gemütlich, nur der Fernseher funktioniert nicht. Was Elke nicht im mindesten stört. Zu einem Ausstieg gehört auch, das im Allgemeinen fürchterliche Fernsehprogramm hinter sich zu lassen, findet sie. Sie fühlt sich schon ganz weit weg. Peter, der gerne Krimis guckt, grummelt hingegen, trotz einem Kreuzrätsel als Ersatz.


„Was ist denn hier los!” Peter kommt hoch und stößt sich den Kopf am Dach des Alkoven. Es ist noch nicht mal sechs Uhr am Morgen aber schon herrscht reger Betrieb in der Bäckerei. An Schlaf ist nicht mehr zu denken.

Und Elke fühl sich gar nicht wohl damit, hier so im Bett zu liegen, während draußen die Leute vorbei laufen. Die Idee, an einer Bäckerei zu parken, war nicht zu Ende gedacht.

„Wir gehen jetzt frühstücken, ich brauch ein Klo”, erklärt Peter. Elke schaut ihn nur verwundert an.

„Na, auf diesem Spielzeugklo kann ich nicht sitzen.” In der Tat ist die Kunststofftoilette des WoMos recht klein und die Kabine eng. Dass ein gestandener Mann wie Peter da so seine Schwierigkeiten haben kann, versteht Elke. Sie selbst vermeidet öffentliche Toiletten, wenn es irgendwie geht.

„Ich hab doch extra die Brillenauflagen und Sagrotantücher besorgt.” Aber damit nun loszuziehen, findet Elke irgendwie auch doof.


Nach einer Katzenwäsche im WoMo, einem Gang mit dem noch ganz verschlafenen Alex, einem schönen Frühstück und der Erledigung anderer Dinge geht es weiter.

Das Wetter ist schön, Deutschland ist schön, Elke und Peter bleiben auf kleinen Straßen. Am Weserbergland entlang und durchs Sauerland erreichen sie Overath. Hier finden sie einen Campingbedarf. Du mein Güte, was es da alles gibt. Viel sinnlosen Kram, Dinge, die es im normalen Geschäft für weniger Geld gibt aber auch ein paar Nützlichkeiten. Peter kauft die noch fehlende Warntafel, die in Spanien vorgeschrieben ist, wenn Ladung über das Fahrzeug hinaus ragt und bastelt sie am Fahrradträger fest.


Um die Ecke gibt es einen WoMo-Stellplatz bei einem Schwimmbad, wie Elke beim Ausprobieren ihrer neuen Stellplatz-App feststellt. Den fahren sie nun an.

„Ich geh schwimmen”, verkündet Elke und zieht, weil Peter keine Lust auf Schwimmen hat, alleine los. An der Kasse bezahlt sie die 5,50 Euro üblichen Eintritt und fragt, ob es für die Wohnmobilisten auch Tarife für nur duschen gibt.

„Nein. Aber der Eintritt ist in der Platzmiete mit drin”, ist die Antwort

„Wie viel kostet der Platz denn?”

„Fünf Euro.”

„Das ist ja günstiger als der normale Eintritt”, wundert sich Elke.

„Ja, es kann aber auch nur einer rein.”

„Ich bin doch auch nur einer und habe gerade mehr bezahlt.” Elke versteht diese verschrobene Logik nicht. Aber weil sie die vielen Fragezeichen im Gesicht der Kassiererin sieht, verzichtet sie lieber auf weitere Diskussionen. Mit dem Platzmieteneintritt kann Peter später duschen gehen.


Bei der Weiterfahrt am nächsten Morgen entdecken Elke und Peter, wie hübsch die Gegend um Overath ist. Weil der Wassertank aufgefüllt werden muss, steuern sie Lohmar an. Dort soll es einen Campingplatz geben und dort würde es sicherlich Wasser geben. Aber der Campingplatz stellt sich als aufgegebener Bruchhaufen heraus. In der Nähe gibt es eine Tankstelle mit Außenwasserhahn.

„Können wir bei Ihnen Wasser für unser Wohnmobil haben?”, fragt Elke das junge Mädchen an der Kasse. „Wasser?”, offener Mund.

„Ja, unser Wassertank ist fast leer. Ich bezahl auch für das Wasser.”

„Wir haben kein Wasser.”

„Aber Sie haben doch eine Waschanlage. und da draußen an der Wand ist ein Wasserhahn.”

„Echt?” Schweigen, offener Mund. Elke bleibt geduldig.

„Nee, wie wollen Sie das denn ins Wohnmobil kriegen?”, offener Mund.

„Wir haben einen Schlauch dabei. Den schließen wir an den Wasserhahn an und stecken das andere Ende in unseren Tank.”

„Nee. Das geht nicht. Ich kann Ihnen doch nicht einfach Wasser geben. Da muss ich erst den Chef fragen.”

„Tun Sie das bitte?”

„Der ist nicht da.”

„Ach, wissen Sie was, vergessen Sie es einfach.” Elkes Geduld ist aufgebraucht. Auf dem Gesicht des jungen Mädchens zeichnet sich Erleichterung ab. Sie ist das Problem mit Elke los und kann sich wieder ihrem Smartphone widmen. Vielleicht postet sie jetzt, mit was für verschrobenen Leuten sie es ihrem verantwortungsvollen Job zu tun hat. Wasser, also nee.


Nach einer bummeligen Fahrt am Rhein entlang starten Elke und Peter in Bad Honnef einen neuen Versuch. An dieser Tankstelle ist man sehr hilfsbereit, würde sogar einen Schlauch zur Verfügung stellen und lehnt eine Bezahlung ab. Geht doch.


„Ich kann nicht mehr.” Elke fühlt sich total erschöpft. Dabei hat sie fast den ganzen Tag nur gesessen und sich fahren lassen. Aber die Anstrengungen ihres Jobs und die Aufregungen der letzten Tage vor der Reise fallen nun langsam von ihr ab und machen deutlich, wie sehr sie Elke beansprucht haben.

„Da vorne sind Hinweisschilder auf einen Campingplatz, achte mal drauf, da fahren wir hin”, sagt Peter. Es wird schon fast dunkel und er hofft, mit dem Restlicht des Tages doch noch etwas an seinem Fernsehempfang ausrichten zu können. 20 Minuten später stehen sie bei Bingen auf einer großen Wiese direkt am Rheinufer.


Nach einem kurzen Abendbrot und einem langen Gang mit Alex, der sich Bewegung wirklich verdient hat, krabbelt Elke müde in den Alkoven. Peter kommt auch und kuschelt sich eng an Elke. Langsam streichelt er ihren Rücken und knabbert an ihrem Ohr. Elke bekommt eine wohlige Gänsehaut, Peter wird mutiger. „Das geht doch nicht“, flüstert Elke nun. „Was geht nicht?“. „Sex.“ „Was? Warum nicht?“. „Das kriegt hier doch jeder mit“, befürchtet Elke. Peter ist entsetzt. „Willst du deswegen wochenlang auf Sex verzichten?“ Mmh. „Nein. Okay, aber nicht so laut!“ Und dann fühlen sie sich in ihre wunderbare Studentenzeit versetzt, als sie ihre ersten Erfahrungen miteinander in der WG machten und dabei nicht ertappt werden wollten. Später kichert Elke „war aber nicht ganz leise und das WoMo hat bestimmt ziemlich gewackelt.“ „Ich glaub nicht, dass wir zu laut waren. Und hier sind doch alle erwachsen. Ärgern tun sich höchstens die Neider.“


In der Nacht trommelt leichter Regen auf des WoMo und erzeugt damit eine gemütliche Atmosphäre. Aber er hat der Wiese arg zugesetzt und beim Versuch, den nächtlichen Stellplatz zu verlassen, drehen die Räder durch. „Dieser blöde Vorderradantrieb”, schimpft Peter vor sich hin. Doch schon naht Rettung in Form des Platzwartes auf einem Trecker.


„Probleme?” grinst er freundlich herüber. Elke steigt aus und nimmt das dicke Tau entgegen, das er ihr entgegen streckt. „Karabiner ist dran. Muss da in die Öse”, erklärt der Platzwart mit einem Fingerzeig auf den Abschlepphaken am Wohnmobil. Na, das hatte Elke sich auch schon gedacht, sie ist ja nicht blöd. Sie verzieht kurz das Gesicht zu einer Grimasse, beugt sich zu dem Haken hinunter und fragt dann den Platzwart mit unschuldigem Augenaufschlag und süßer Stimme: „Hier? Mach ich das so richtig, ja?”. Der Platzwart grinst noch breiter, legt den Gang seines Treckers und fährt langsam los. „Du weißt sicher, was zu tun ist”, ruft er Peter zu, der mit seinem Daumen ein Okay signalisiert.


Wieder festen Boden unter den Rädern geht die weitere Fahrt über Bad Kreuznach Richtung Kaiserslautern durch wunderschöne hügelige Landschaften, durch den Naturpark Pfälzer Wald, der für norddeutsche, recht waldlose Flachländer schier endlos anmutet, um Karlsruhe herum nach Rastatt, wo Elke und Peter wieder auf dem Parkplatz eines Schwimmbades übernachten. Nach einem ausgiebigen Frühschwimmen mit den örtlichen Rentnern dann weiter Richtung …




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Januar 2014

© Susanne Norden