Küste und Berge

GERN GELESEN

WIE MAN TRÄUME LEBT UND WAS DABEI PASSIEREN KANN ...

Küste und Berge




Weil auf dem Campingplatz in Petit-Palais-et-Cornemps nur zwei Wohnwagen stehen, haben Elke und Peter freie Platzwahl. Die Chefin der freundlichen Betreiberfamilie zeigt Elke die einzige funktionierende Dusche. Gestenreich und unterstützt von einigen französischen Sprachbrocken erklärt Elke, dass sie Geschirr und Wäsche waschen müsste. Ah, oui, die Französin hat verstanden. Und Elke versteht, dass sie das Geschirr in der Dusche waschen und die Wäsche der Chefin überlassen soll. Der Chefin überlassen?

„Ist doch prima“, freut sich Peter als Elke ihm zweifelnd von dem Angebot berichtet. „Dann können wir auch gleich die Betten abziehen.“ „Meinst du nicht, das ist unverschämt? Sie will nichts für ihre Hilfe haben und wir bringen ihr so einen Berg Zeugs.“ „Ach was. Die haben Industriemaschinen. Die müssen ja auch voll werden.“

Na gut. Elke überlegt kurz noch, ob sie ihre Unterhosen nicht lieber mit der Hand waschen sollte, als sie fremden Menschen zu überlassen. Aber als Peter sie wegen ihres Gezieres auslacht, packt sie sie doch mit in den Wäschesack.


Während Peter am nächsten Morgen die Fahrräder klar macht, gibt Elke mit ein bisschen schlechtem Gewissen die Wäsche ab. Aber die Familie ist gar nicht überrascht über die Menge und tatsächlich sieht Elke hinter der Tür des Büros große Industriemaschinen stehen.

Alex freut sich über die Radtour und läuft fröhlich nebenher. Endlich wieder ordentlich Bewegung. Das kleine Dorf gibt allerdings nichts her, alles ist wie ausgestorben. Ziemlich bald sind alle Drei zurück am WoMo.


„Das WLAN hier hat ordentlich Power“, freut sich Peter bei seinem Verbindungsversuch. Endlich kann er auf dem Tablet in Ruhe die Tageszeitungen der vergangenen Tage lesen.

Elke schickt Reiseberichte an die Daheimgebliebenen und schaut nach, was „ihre“ Zeitung so bringt. Natürlich keine leeren Seiten nur weil sie nicht mehr da ist. Ein bisschen komisch ist es schon, die Berichte zu sehen, die jetzt andere schreiben. Fehlt ihr der Job schon?


„Das glaub ich nicht!“ Peter schreckt bei Elkes empörtem Ausruf hoch und sieht sie fragend an. „GF unter einem Bericht. Gaby, die blöde Kuh, schreibt jetzt für das Blatt!“ „Na und?“

„Ausgerechnet Gaby, die falsche Schlange. Die hab ich schon mehrfach bei dreisten Lügen ertappt und dabei, wie sie Kollegen hintergeht. Mit mir hat sie immer getan, als wären wir Freundinnen. Und jetzt reißt sie sich meinen Job unter den Nagel.“ „Na und?“

„Mann, die nimmt sich einfach meinen Job ohne vorher mal nachzufragen, ob ich ihn weiter machen will, wenn ich zurück komme.“ „Na und?“

„Sag nicht immer na und!“ „Du willst den Job doch gar nicht weiter machen. Dann lass sie doch machen. Du hast mit dem Ganzen jetzt nichts mehr zu tun. Ist das nicht schön?“

Elke entspannt sich. Ja, eigentlich ist es schön. Aber das ausgerechnet Gaby … Ach, was soll’s. Warum soll sie sich darüber ärgern. Und doch. Wenn Gaby so eine Freundin gewesen wäre, hätte sie vorher mal nachfragen müssen. Dass sie es nicht getan hat, beweist mal wieder ihre Falschheit. Und ausgerechnet diese … diese … hat jetzt den Job. Elke kocht schon wieder hoch.

„Komm Alex, wir gehen spazieren.“ Sie braucht jetzt dringend frische Luft.


Der Spaziergang hat Elke beruhigt und so kann sie entspannt ihre nun fertig gewaschene und getrocknete Wäsche abholen. Wow, alles ist sorgfältig sortiert und gefaltet und sogar die Socken sind zusammen gelegt. Im WoMo dann die Betten zu beziehen und das Laken auf die Alkoven-Matratze zu bekommen ist eine sportliche Herausforderung.

„Was riecht denn hier so?“, fragt Peter, als er einen Augenblick später das WoMo betritt. „Die waren wohl etwas großzügig mit dem Weichspüler. Da müssen wir jetzt durch.“ Ein paar Tage später stellen sie fest, dass die netten Franzosen wohl auch etwas großzügig mit den Waschtemperaturen waren. Einiges ist ziemlich eingelaufen.


Am nächsten Morgen prüft Elke noch schnell ihre Emails. Viele Reaktionen auf ihren Reisebericht sind dabei. Alle freuen sich mit ihnen, und trotzdem schimmern hier und da Bedenken und Neid durch. Ihre Lieblingskollegin berichtet, dass Gaby jetzt tatsächlich fürs Blättle schreibt. Dafür ist sie von einer anderen Zeitung weg gegangen, dort hat jetzt ein anderer Kollege seine Chance ergriffen. Es sei immer sehr lustig, wenn beide nun bei Presseterminen ihre neuen Zuständigkeiten erklären müssten. Und es würden immer alle nach Elke fragen, danach, wie es ihr gehe und ob sie hoffentlich zurück kommen würde. Ja, die Worte tun Elke gut.


„So, jetzt machen wir mal ein bisschen Meile“ beschließt Peter und lotst Elke zur Autobahn, wo sie von einer Mautstation empfangen werden.

„An welchen Schalter müssen wir denn nun?“ Elke steuert bereits einen an. „Hier ist für Autos, es ist grün und guck, hier ist ein Automat zum Ticket ziehen.“ Peter entspannt sich wieder. Zumal er, der ein miserabler Beifahrer ist, Elke auf der Autobahn nicht so viele Tipps zum besseren Fahren geben muss. Das entspannt auch Elke. Etliche Kilometer weiter wird die Fahrerei aber langweilig und sie verlassen die Autobahn Richtung Küste.


„Wie viel soll das kosten?“ Peter will gar nicht glauben, welche Summe der Mautautomat an der Ausfahrt anzeigt. Darum herrschte auch so wenig Verkehr. Bei den Preisen! „Gib mal bitte die VISA-Karte.“ Elke steckt sie in den passenden Schlitz. Doch der Automat akzeptiert die Karte nicht. Inzwischen stehen schon einige Autos hinter ihnen. Peter sucht die MasterCard, das dauert etwas. Aber hinter ihnen bleiben alle ruhig. Sehr nett. In Deutschland hätte sicher schon mindestens einer gehupt. Der Automat akzeptiert die Karte und die Fahrt kann weiter gehen.


„Boah, guck dir mal die Häuser an!“ Peter staunt über die prachtvollen Villen in den kleinen Küstenorten. „Dagegen sind Blankenese und Sylt ja ärmlich.“ „Ja. Aber alles ist wie ausgestorbenen. Wunderschön ist es hier aber genutzt wird das wohl nur im Sommer.“ Bei der Masse an Häusern mag Elke sich gar nicht vorstellen, was hier im Sommer wohl los ist.

Dann ändert sich die Landschaft und der weitere Weg führt kilometerweit durch sandige Pinienwälder. Elke wird ganz sehnsüchtig ums Herz. „Was für Reitwege. Hier könnte man tagelang unterwegs sein, ohne einen Weg zweimal reiten zu müssen. Und dieser Pinienduft.“

Und dann erreichen sie Gujan-Mestras bei Arcachon und machen Pause.

„Sieh mal, wie hübsch, hier blühen überall schon Osterglocken, Primeln und Stiefmütterchen.“ Peter hat aber mehr Augen für die Austernfischer, die gerade mit beladenen Booten in die verschlammten Hafenpriele einlaufen. Der Hafen ist voller kleiner Fischerhütten, an denen sich Austernkäfige und Netze stapeln. Weil aber ein eisiger Wind kräftig weht, wird die Pause nur kurz.

„Halt hier noch mal an“, wünscht Peter ein paar Kilometer weiter. Sie haben einen größeren Hafen erreicht, auf dessen Freifläche hohe Regale stehen. Und in den Regalen sind Boote gestapelt, die meisten sorgfältig in Folie verpackt. „Na, das nenn ich mal ein Winterlager. Mit starkem Frost haben die hier wohl nicht viel zu tun.“ „Aber mit Wind. Dass das bei Sturm alles so hält“, staunt Elke.


In Bayonne finden Elke und Peter an einer Tankstelle ein geöffnetes Restaurant. „Das sollten wir gleich nutzen“, beschließt Peter. Nach tagelangem Campingessen freut er sich auf ein ordentliches Steak. Aber, „puh, ist das zäh. Das kann man kaum Alex zumuten.“ „Dafür ist es aber mehr als doppelt so teuer, als bei uns.“

Inzwischen ist es spät geworden und Peter hält Ausschau nach Hinweisen auf einen Campingplatz. Nichts zu sehen. Es ist bereits dunkel, als sie Biarritz erreichen. „Fahr hier mal durch.“ Peter deutet auf eine kleine Straße. Sie führt mitten ins Zentrum. Trotz der Dunkelheit lässt sich erkennen, wie hübsch und interessant der Ort sein muss. Doch es gibt keine Chance auf einen Parkplatz.

„Das wird hier nichts“, erkennt Elke, nachdem sie einige Runden durch den Ort gedreht hat. „Schade, das scheint toll zu sein hier. Vielleicht ein anderes Mal.“ Sie steuert landeinwärts und nimmt den erstbesten ruhigen Parkplatz in einer Vorstadt. „So. Ich hab keine Lust mehr. Hier bleiben wir.“ Peter ist einverstanden.

Und Alex auch, er freut sich auf einen längeren Spaziergang. Beim Laufen stellt Elke fest, dass sie dicht am Flughafen geparkt haben. Hoffentlich starten die dort nicht so früh. Sie will wieder zurück, doch Alex ist weg. Elke fährt der Schreck in die Glieder. „Alex!“ Nichts. Sich weit zu entfernen und nicht zu gehorchen ist gar nicht Alex Art. Darum darf er auch immer ohne Leine laufen. „Alex! Komm her!“ Wie soll sie bloß im Dunkeln einen schwarzen Hund finden? „Alex!“ Da kommt Alex aus einem Gebüsch und leckt sich die Schnauze. Er stinkt fürchterlich. „Oh nein. Was hast du denn gemacht?“ Offensichtlich hat Alex etwas Fressbares gefunden. Hoffentlich bekommt es ihm.


In der Nacht regnet es wieder heftig. Zum Glück geht es Alex gut und er muss nicht raus.

„Yeah, Süden, wir kommen!“, ruft Peter als er am Morgen feststellt, dass die Sonne scheint. „Pyjamastart!“ ruft er Elke noch zu, ehe er das Wohnmobil verlässt um mit Alex eine morgendliche Hunderunde zu drehen. Zum Glück nicht im Pyjama. Katzenwäsche, ein schneller Kaffee, dann geht es weiter Richtung Süden.

„Mmmh“, überlegt Peter über die Landkarte gebeugt. „Über Santander und dann runter nach Madrid wird ganz schon weit. Ich geb mal Burgos ins Navi ein. Schnellste Route.“

Zügig erreichen sie die Ausläufer der Pyrenäen. Die Berge sind wunderschön und hin und wieder bieten sich phantastischen Weitblick zum Meer. Aber es geht rauf und runter, durch viele Tunnel und schmale Täler. Mit dem PS-schwachen und sehr windempfindlichen Wohnmobil ist die Fahrt anstrengend und wenn LKWs überholen, muss Elke sich sehr konzentrieren, es in der Spur zu behalten.


Und dann:

„Hola Spanien!“, fahren sie über die Grenze. „2630 Kilometer und unser Schätzchen hat so gut durchgehalten“, freut sich Peter. „Meinst du mich oder Alex?“ fragt Elke grinsend. „Das WoMo. Und euch auch.“


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Januar 2014

© Susanne Norden